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Über Kreative und den digitalen Graben

Bei meiner kürzlich durchgeführten Recherche zum Thema E-Learning für Senioren durften die Studien der Initiative D21 natürlich nicht fehlen.

Bildquelle: © Artco – Fotolia.com

Die Initiative D21 wurde 1999 gegründet, um die digitale Spaltung Deutschlands zu bekämpfen. Seitdem veröffentlicht der hochkarätig besetzte gemeinnützige Verein einmal jährlich den (N)Onliner Atlas. Diese Studie gibt detailliert Auskunft über die Internetkompetenz der Deutschen.

Weil man seit der Einführung der Sinus-Milieus ohne kreative Wortschöpfungen zur Beschreibung einer Zielgruppe nicht mehr auskommt, war auch die Initiave D 21 schöpferisch tätig. Die Gruppen, in denen sich die digitale Elite und die weniger Glücklichen nun wiederfinden heißen:

  • Die digitale Avantgarde
  • Die digitalen Profis
  • Die Trendnutzer
  • Die Berufsnutzer
  • Die Gelegenheitsnutzer
  • Die digitalen Außenseiter

Die digitalen Außenseiter sind mit einem Anteil von 35% die größte Gruppe, weshalb man in der Studie auch den Begriff des „digitalen Grabens“ benutzte, um die Situation der deutschen Internetlandschaft zu beschreiben. Gleichzeitig hat diese Gruppe mit 64,9 Jahren auch das höchste Durchschnittsalter.

Ganz tief unten, im digitalen Graben, findet man schließlich die Frauen über 70. Zu deren Ehrenrettung äußerte sich die Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, Birgit Kampmann, mit den Worten:

„Wir kommen nicht weiter, wenn wir Frauen über 70 Jahren als Problemgruppe stigmatisieren und unterstellen, sie seien in der digitalen Gesellschaft nicht angekommen. Sie verfügen über viel Lebenserfahrung und finden sich auch ohne eigene Internetnutzung bestens zurecht.“

Ts, Ts … digitale Spaltung, digitaler Graben, Stigmatisierung. Bitte etwas mehr Gelassenheit, meine Damen und Herren.

Wie wäre es denn, wenn man in der Diskussion über die Internetnutzung nicht nur über die Kompetenz sondern auch über die Relevanz nachdenken würde?

Für die Jugendlichen bis 19 Jahre ist das Internet, gleich nach dem Handy, das wichtigste Medium. Es ist Teil ihrer sozialen Realität. Junge Internetnutzer sind aktiv in unterschiedlichen sozialen Netzwerken, loggen sich mehrmals täglich dort ein, nutzen Instant Messenger, tauschen Daten und verabreden sich. Die Grenzen zwischen digitalem und echtem Leben sind nicht klar voneinander abgegrenzt, beides geht fließend ineinander über.

Menschen über 70 nennen Radio, Fernsehen und Tageszeitungen als beliebteste Medien. Die ältere Generation nutzt ihre Zeit bevorzugt für die Pflege von Hobbys, um sich mit der Familie und Freunden zu treffen, für Reisen und kulturelle Interessen. Das alles funktioniert auch ohne Internet. Diejenigen, die das Internet dafür einsetzen wollen, werden es tun. Für viele andere hat es möglicherweise einfach keine Relevanz. Darüber könnte man vieleicht einmal nachdenken.

Quellen:

 

Werden die E-Learning-Angebote für Senioren erwachsen?

Zielgruppenspezifische E-Learning-Angebote für Ältere sind rar

Professor Dr. Oliver Bendel und Julia Nierle haben in der Netzwoche ein Dossier mit dem Titel „E-Learning ist in die Jahre gekommen“ veröffentlicht. Die Autoren beschreiben das wachsende Interesse älterer Menschen an computergestützten Lernformen sowie an netzbasierter Kommunikation. In dem Dossier wird die Entwicklung des E-Learning seit den 80er Jahren dargestellt. Es folgt eine Erklärung der wichtigsten Strömungen und Begriffe. Mit Beispielen belegen die Autoren, wie Blended Learning sowie internetgestützte Kommunikation und Vernetzung (Social Media) den spezifischen Bedürfnissen und Interessen älterer Lerner entgegen kommt. Diesem Bedarf stehen bisher nur wenige zielgruppenspezifische Angebote gegenüber.

Das Dossier unterscheidet sich wohltuend von der üblichen Berichterstattung über ältere Lernende und neue Medien. Es fehlt der sonst oft durchscheinende gönnerhafte Grundton. Statt dessen werden Chancen und Möglichkeiten benannt.

Die Interessen der Zielgruppe sind vielfältig

Wenn die Rede ist von älteren Menschen, Senioren oder auch Silversurfern, dann spricht man über eine sehr heterogene Zielgruppe. Es gibt große Unterschiede im Bildungshintergrund, in den beruflichen Vorerfahrungen, in den persönlichen Lebens- und Lernerfahrungen. Den daraus resultierenden unterschiedlichen Interessen stehen bisher keine entsprechend vielfältigen Bildungsangebote gegenüber.

Die Angebote im Bereich mediengestützter Information und Kommunikation (IuK) beschränken sich zur Zeit vorwiegend auf die Vermittlung von Grundkenntnissen im Umgang mit Computer und Internet. Diese Kenntnisse werden in der Regel in klassischen Seminaren in der Volkshochschule oder ähnlichen Bildungsinstitutionen vermittelt.

Dass damit die Bildungsbedürfnisse älterer Menschen nicht abgedeckt sind, bedarf wohl keiner Diskussion. Im Gegenteil, gerade in der nachberuflichen Phase haben viele Menschen erst ausreichend Zeit, sich ihren Bildungsbedürfnissen zu widmen. Bendel und Nierle benennen neben dem Interesse an IuK eine Vorliebe für geisteswissenschaftliche Themen, andere Quellen geben die Bereiche Politik und Kultur an.

E-Learning-Angebote können zur Stärkung der Autonomie und Teilhabe beitragen

Zu den unbestrittenen Vorteilen von E-Learning gehören die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit der Lerner. Es spielt keine Rolle an welchem Ort man sich befindet oder zu welcher Zeit man ein Lernangebot in Anspruch nimmt. Das kommt dem Bedürfnis älterer Lerner nach Selbstbestimmung sehr entgegen. Auch regionale Angebotsbeschränkungen sowie Mobilitätseinschränkungen werden kompensiert, wenn man sich über das Internet an Kursen oder Diskussionen beteiligen kann.

Mit wachsender Medienkompetenz eröffnen sich darüber hinaus vielfältige Möglichkeiten zur Information, Kommunikation und Zusammenarbeit an unterschiedlichen Projekten. Ein interessantes Beispiel dafür ist das Lerncafe. Das Lerncafe ist ein Online-Journal zur Weiterbildung für Senioren. Es bietet Themen aus den Bereichen Politik, Gesellschaft und Kultur an. Konzipiert wurde das Online-Journal von Senioren, die sich zuvor virtuell zu Redakteuren weitergebildet hatten.

Eher klassisch dagegen ist das Angebot der eLSe-Academy, mit Kursen zur Qualifizierung in den Bereichen Computer- und Internetnutzung. Innovativ ist an diesem Projekt die Form des Lernangebots. Die Kurse werden über eine Lernplattform angeboten und ermöglichen den Lernenden ein zeitlich und räumlich selbstbestimmtes Lernen. Betreut werden sie dabei von qualifizierten Online-Tutoren, die bei Lernschwierigkeiten oder technischen Problemen Unterstützung geben.

Beide Angebote sind mit finanzieller Förderung aus EU-Programmen entwickelt worden.

Modellprojekte sind nur ein erster Schritt

Die EU-Programme sind lediglich eine Anschubhilfe, um bestimmte Entwicklungen zu fördern oder strukturelle Probleme zu bekämpfen. Nach Ablauf der Förderung müssen die Projektergebnisse sich entweder vermarkten lassen oder sie enden im ungünstigsten Fall im Archiv des Projektträgers. Die Tatsache, dass interessante Ansätze entwickelt wurden bedeutet ja noch nicht automatisch, dass diese Projekte auch über ihre Laufzeit hinaus überlebensfähig sind. Um die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse zu sichern, muss es gelingen sie erfolgreich in das Angebot von Weiterbildungsinstitutionen zu integrieren.

Die Weiterbildungsanbieter sind gefordert

Bisher scheint bei den Anbietern von Weiterbildung allerdings noch große Zurückhaltung zu herrschen. Das dürfte auch finanzielle Gründe haben. Die zielgruppenspezifische Entwicklung und personelle Betreuung von E-Learning-Angeboten ist nicht billig und möglicherweise auch nicht mit vorhandenem Personal realisierbar. Auch Fehleinschätzungen zur Eignung von E-Learning für Senioren könnten eine Rolle spielen.

Was auch immer: Die Weiterbildungsanbieter werden sich der Herausforderung dennoch stellen müssen. Besonders in der allgemeinen Weiterbildung dürfte die Entscheidung über die Teilnahme/Nichtteilnahme in erster Linie davon abhängen, ob die Zielgruppe den Nutzen höher einschätzt als die Kosten. Die Anzahl der älteren Teilnehmenden, die bereits mit digitalen Medien vertraut sind, wächst. Diese Zielgruppe wird Angebote bevorzugen, die das Bedürfnis nach selbstbetimmtem Lernen, Kommunikation und Autonomie unterstützen. Mit allgemeinen Kursen zu Computer- und Internetnutzung wird man jedenfalls künftig keine Katze hinter dem Ofen hervorlocken.

Weitere Informationen:

Kommentierte Linkliste bei seniorenweb.ch
ZAWIW Universität ULM
GRUNDTVIG EU-Programm für die allgemeine Erwachsenenbildung
IDW – Informationsdienst Wissenschaft

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