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Social Learning – Worueber reden wir eigentlich (nicht)?

Social Learning ist ein enorm wichtiges Thema. Es ist wichtig, darüber zu diskutieren und Visionen zu entwickeln, wie Lernen künftig gestaltet werden soll. Was mir aber gegen den Strich geht, ist die Einseitigkeit der Debatte und die gelegentliche Verwirrung der Begriffe.

Die Diskussion um Social Learning erinnert mich an die Verheißungen, mit denen um die Jahrtausendwende E-Learning gefeiert wurde. Nicht weniger als eine Revolution des Lernens versprach man sich damals und der Kater war fürchterlich. Was mir gelegentlich auch fehlt, ist eine kritische Distanz und Differenzierung. Was ist eigentlich gemeint, wenn man von Social Learning spricht. Und worüber reden wir nicht?

Oft herrscht Verwirrung, wo Transparenz erforderlich wäre

Wenn wir von Social Learning sprechen können sehr unterschiedliche Dinge gemeint sein. Es kann die Rede sein:

  • vom Lerngegenstand, wenn ein bestimmtes Sozialverhalten gelernt werden soll.
  • von einer didaktischen Methode, wenn kooperative Lernformen eingesetzt werden sollen.
  • von der Lernorganisation, wenn im sozialen Kontext gelernt werden soll.
  • vom Einsatz von Social Media, wenn die Erarbeitung und der Austausch mit Werkzeugen des Web 2.0 geleistet werden soll.

In dieser Hinsicht müssen wir für Klarheit sorgen. Darauf haben die Kunden von Weiterbildungsdienstleistern einen Anspruch.

Unternehmen wollen innovativ sein. Bei Social Media haben die deutschen Unternehmen lange gezögert und wurden dafür nicht wenig kritisiert und teils verspottet. Deshalb springen sie jetzt auf den Begriff Social Learning an. Weil sie Social Learning mit dem Hype um Social Media verknüpfen und nicht schon wieder einen innovativen Trend verpassen wollen.

Genau darin sehe ich aber das Risiko für eine erneute große Enttäuschung. Die Entwicklung des Social Web ist eine Erfolgsstory. Dieser Erfolg dürfte auch die Erwartungen der Unternehmen an Social Learning prägen. Können wir, kann Social Learning, diese Hoffnung der Unternehmen erfüllen?

Die Erfolgsgeschichte von Social Media ist in erster Linie die Geschichte einer technischen Innovation. Die Idee des Social Learning ist weder neu, noch können wir einen vergleichbaren Erfolg garantieren.

Die Euphorie verstellt den Blick auf offene Fragen

Social Learning, aus der Perspektive der Lernenden, wird als eigenständige Aneignung der Lerninhalte, mit eigener Schwerpunktsetzung nach persönlichen Bedürfnissen und Interessen beschrieben. Das leuchtet als erfolgsversprechend ein, solange eine ausreichend hohe Motivation vorhanden ist. Hohes Interesse, Erfolgsaussicht im Hinblick auf die Lernbemühungen und persönlicher Nutzen sind seit jeher Bedingung und Garantie für positive Lernerlebnisse. Was aber, wenn es nicht um persönliches Interesse geht sondern um Lernaufträge? Betriebliche Weiterbildung ist keine Frage von persönlichen Interessen. Reden wir über den CNC-Kurs, die Software-Schulung, neue Steuervorschriften. Alles Social? Und wo liegt der Nutzen?

Ein anderer Punkt ist der oft ins Spiel gebrachte unbeschränkte Zugang zu allen Informationen dieser Welt. Die Medien verschaffen uns diesen Zugang und wir sollen nun glauben, dass damit automatisch auch ein Lernen einherginge. Jedenfalls hört man das so von einigen Verfechtern des „neuen Lernens“. Zugang zu Informationen bedeutet aber keineswegs Verstehen. Dazu gehört auch weiterhin das einordnen, verknüpfen, strukturieren und bewerten, kurz: die Informationen nutzbar machen für den eigenen Kontext. Können wir wirklich davon ausgehen, dass diese Form des eigenständigen Lernens der heutige Standard ist? Oder reden wir über eine kleine Elite und lassen die Mehrheit der Lernenden völlig außer Acht?

Wir kriegen ein Problem, wenn wir von einer Kultur des Teilens und der aktiven Beteiligung ausgehen

Nicht jeder ist ein Wissensteiler und die verbreitete Nutzung von Social Media heißt bei weitem nicht, dass nun alle hergehen und sich an der Erarbeitung neuen Wissens beteiligen. Im Gegenteil. Bradley Horowitz, Product Manager des GooglePlus-Projekts, spricht von 1% Creators, das sind Nutzer, die eine neue Gruppe starten und 10% Synthesizers, also Nutzer, die aktiv Inhalte erstellen. Alle übrigen Nutzer sind Konsumenten.

Kommen wir zu der Frage, warum Menschen ihr Wissen teilen. Nun, es geht in erster Linie um Aufmerksamkeit, Status und Selbstverwirklichung. Nach einer 2011 veröffentlichten Studie der New York Times sind es fünf Hauptziele, die uns zu Wissensteilern machen:

  • andere mit wertvollen und unterhaltsamen Inhalten begeistern.
  • nach außen mit einem positiven Image präsentieren.
  • zum Aufbau und zu Förderung von Beziehungen.
  • zur Selbstverwirklichung.
  • zur Verbreitung von Themen, Produkten und Marken.

Hierbei handelt es sich überwiegend um Ziele, die ausschließlich Extravertierte antreiben. Introvertierte wird man damit nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Oft sind es aber gerade die hochkreativen Menschen, die zu dieser Kategorie gehören. Wie sollen sie motiviert werden?

Und wer sagt eigentlich, dass Lernen in der Community immer zu besseren Ergebnissen führt? In einer Studie mit dem seltsamen deutschen Titel: Wien wartet auf Dich, untersuchten Tom DeMarco und Timothy Lister 1999 die Arbeitsbedingungen von Programmierern. Es ging um die Frage, was die besten und die schlechtesten Programmierer ausmacht. Sie stellten fest, dass die besten Programmierer in Firmen arbeiteten, die ihren Mitarbeitern ein Maximum an Privatsphäre, persönlicher Freiheit und Entscheidungsspielraum zugestanden. Und nun?

Ich könnte die Beispiele noch ellenlang fortführen. Was ist beispielsweise mit Menschen in Beschäftigungsverhältnissen mit geringer Entscheidungskompetenz, Menschen mit Pflichtschulabschluss, Menschen mit geringer Vernetzung? Für sie kann Social Learning beziehungsweise die dafür erforderlichen Kompetenzen eine Barriere sein, die zur Lernabstinenz und Ausschluss führt.

Noch einmal: Ich halte Social Learning für ein enorm wichtiges Thema aber es geht mir darum, dass wir in der Euphorie die Balance nicht verlieren und wichtige Fragen einfach vergessen.

Update: Im aktuellen GMW-Tagungsband, Seite 280, berichtet Holger Rohland im Praxisreport „Akzeptanzunterschiede bei E-Learning-Szenarien?“ über eine vergleichende Analyse zwischen einem kollaborativen und einem individuellen E-Learning-Szenario. Er kommt zu dem Fazit :

Trotzdem müssen die gewonnenen Angaben als Hinweis dafür angesehen werden, dass die Überbetonung des didaktischen Mehrwerts kollaborativer eLearning Szenarien gegenüber individuellem virtuellen Lernen – aus der gelegentlich gar auf eine Nichteignung individueller E-Learning-Szenarien geschlossen wird – so nicht haltbar ist.

Das Buch „Still“ wurde in einem Kommentar empfohlen. Es hat den einseitigen Blick auf extravertierte Menschen zum Thema. Es ist eine sehr gut recherchierte Auseinandersetzung mit unserer Kultur des „Klapperns“ und der „Dampfplauderei“. Die Autorin, Susan Cain, plädiert dafür, sich gegen diesen Trend zu stellen und den Qualitäten der Introvertierten mehr Wertschätzung und Geltung einzuräumen.

Zielgruppen beim E-Learning-Design ein Gesicht geben

Zielgruppen im E-Learning bestimmen Wenn ein Trainer ein Seminar plant, hat er auch seine Zielgruppe im Blick, er verfügt aber über die Möglichkeit sich im laufenden Seminar an die tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Sind die Inhalte zu schwierig, zu einfach, fehlen wichtige Vorkenntnisse? Das sind alles Situationen, auf die man in Seminaren eingehen kann. Im klassischen E-Learning, bei Web Based Trainings oder Computer Based Trainings, existieren diese Möglichkeiten nicht!

Deshalb gehört die sorgfältige Zielgruppenanalyse zu den wichtigsten Aufgaben im didaktischen Design. Als E-Learning-Autorin brauche ich ein möglichst genaues Bild meiner Zielgruppe. Das erfordert viel Arbeit im Vorfeld, lohnt sich aber für den angestrebten Lernerfolg.
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